Pheria 1 – Verhängnisvoller Zauber – Das Tote Land

Nachdem sie die Fische gebraten und gegessen hatten, reisten sie weiter und nach wenigen hundert Metern gab es schlagartig keine einzige Pflanze mehr. Michelle betrachtete den Boden vor ihnen. Die Erde war zwar trocken, aber normalerweise liebten Ackerschachtelhalme und anderes Unkraut solche Standorte. Hier jedoch wuchs nichts und sie entdeckte nicht einmal eine krabbelnde Ameise.
„Weiter können wir nicht gehen“, sagte Tejon. „Ihr solltet dort drinnen vor Alukas Kreaturen sicher sein, denn auch ihnen wird die Kraft entzogen, trotzdem werden wir hier an der Grenze Wache halten.“
Michelle umarmte Gavin und Damaris zum Abschied, Tejon wich vor ihr zurück und wollte ihr nur die Hand geben. Dafür nahm er die Gesichtsmaske ab.
„Wir beten für euren Erfolg“, sagte er.
Die Tiefe seiner braunen Augen nahm sie gefangen, aber nicht lange, denn Nick erinnerte sie daran, dass sie gehen mussten. Nachdem Michelle sich umgedreht hatte, übertraten sie die Schwelle zum Toten Land. Kein Ziehen im Magen oder ein Gefühl der Schwäche. Dieser Schritt war genauso gewesen wie der davor.
Schweigend gingen Nick und sie nebeneinander. Das Tote Land wirkte surreal wie ein Traum, vermutlich weil Michelle Wüsten und Steppen nur aus Dokumentationen kannte. Sie warf einen Blick über die Schulter. Hinter ihnen erhob sich nur das Gebirge, vom Wald geschweige denn von ihren Freunden war nichts mehr zu sehen.
„Wie geht es dir?“, fragte Nick leise.
„Ich fühle nichts.“
„Ich spüre auch nichts Besonderes, aber seien wir vorsichtig.“
„Aus deinem Mund hört sich das eigenartig an.“
Seine Lippen verzogen sich zu einem verlegenen Lächeln.
„Schließlich muss ich jetzt auf dich aufpassen, wo unsere Krieger nicht da sind.“ Er deutete geradeaus. „Da vorne ist ein umgestürzter Baum. Wollen wir da übernachten?“
Das, was sie für einen toten Baum gehalten hatten, entpuppte sich beim Näherkommen, als eine menschliche Gestalt. Sie sah aus wie eine Mumie, aber es waren noch Strähnen von blondem Haar erkennbar. Michelle spürte einen Stich ins Herz. Das war sicher einmal eine Waldnymphe gewesen.
„Lass uns weitergehen“, flüsterte Nick und zog sie weiter.
Nachdem die tote Waldnymphe außer Sichtweite war, setzten sie sich auf den Boden und öffneten ihre Taschen. Die Nüsse schmeckten seltsam geschmacklos.
„Was wirst du tun, wenn wir daheim sind?“
Michelle hatte darüber nicht nachgedacht.
„Ich weiß nicht. Vermutlich versuchen zu erklären, wieso ich wochenlang verschwunden war.“
„Das meinte ich nicht. Was vermisst du am meisten in dieser Welt? Ich glaub, ich werde eine große Portion Pommes mit Mayo und Ketchup essen.“
Sie lachte.
„Nicht fotografieren?“
„Wenn die eigenen Bedürfnisse erfüllt sind, werden die Fotos noch besser.“
„Wenn es ums Essen geht, wäre wohl Schokolade meine erste Wahl.“ Sie wurde wieder ernst. „Ich hoffe, wir erfahren, ob die Götter Chalina retten konnten. Für Ameya müsste es ein Leichtes sein, sie und Imena aus der Unterwelt zu holen.“
Seufzend verschränkte Nick die Arme.
„Ich wünsche mir auch, dass sie noch lebt, aber die Götter sollen uns zurückschicken, bevor sie irgendetwas anderes tun. Ich möchte nicht hierbleiben.“
Michelle senkte den Blick, dann brach es aus ihr hervor: „Ich fühle mich schrecklich.“
„Wir haben es bald geschafft.“
Sie schaute ihn an. „Verstehst du es nicht? Magie ist das Wertvollste, was es hier gibt, und wir wollen sie für selbstsüchtige Zwecke einsetzen.“
„Willst du etwa hierbleiben?“
„Wie könnte ich das meinen Eltern antun?“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann zu weinen.
Nick legte den Arm um sie. „Du hast dieser Welt alles gegeben, was du konntest. Die Götter werden sich Alukas Diamanten holen. Wenn wir Glück haben, wird die Magie erst nach unserem Tode ausgehen.“
„Nick …“ Seine Worte schmerzten nur noch mehr.
„Hör auf, dich verantwortlich zu fühlen! Auch die Menschen in unserer Welt leben so. Sie zerstören die Umwelt und die Zukunft muss sich um sich selbst kümmern.“
Was sie hörte, verletzte Michelle, aber sie konnte es nicht bestreiten. Die meisten Menschen lebten so, doch sie glaubte nicht, dass sie je verdrängen konnte, was sie hier erlebt hatte. Die Jugendliche, die sie gewesen war, war verschwunden.
„Michelle?“
Sie ließ die Hände sinken und hob den Kopf. Sein Gesicht lag zur Hälfte im Schatten, sodass es kantiger und kühler wirkte.
„Du wirst sehen, wenn wir zu Hause sind, wird uns das alles wie ein böser Traum vorkommen.“ Er neigte den Kopf, so dass seine Stirn die ihre berührte. „Bevor das geschieht, muss ich dir etwas gestehen und mich entschuldigen.“
„Warum?“
„Fast die ganze Zeit fühlte ich mich machtlos und war wütend. Ich ertrug es nicht, dass ich dich nicht beschützen konnte, und wollte das auch nicht akzeptieren. Ich habe mich wie ein großer Trottel benommen. Als der Geier dich forttrug, hatte ich den Drang auf irgendeinen einzuprügeln, aber mir wurde endlich klar, dass nur sie dich beschützt hatten.“
„Nick …“
„Du bist so mutig in dieser Welt, während ich selbst in unserer ein Feigling gewesen war.“
Sie schwieg, denn seine Worte ängstigten sie.
„Ich habe dich schon immer geliebt, Michelle.“
Ihr Herz machte einen Satz und begann zu rasen. Der Boden unter ihren Füßen schien zu schwanken, während ihr Kopf leer wurde.
„Du brauchst nichts zu sagen. Ich weiß, dass ich dich nicht verdient habe. Statt zu meinen Gefühlen zu stehen, hatte ich Angst, was meine Freunde von mir denken könnten.“
Langsam hob sich ihre Hand und hielt ihn sanft am Ärmel fest.
„Das ist nicht wahr, denn … auch ich liebe dich.“
Seine Augen weiteten sich, dann lächelte er.
„Du gibst mir wirklich eine Chance?“
Sie biss sich auf die Unterlippe und traf eine Entscheidung.
„Ja, denn ich habe keine Angst mehr.“ Ein flaues Gefühl machte sich in ihrem Magen breit und Michelle lächelte schwach. „Nein, das ist nicht wahr. Irgendwie ist es schwer vorstellbar, dass du es bei einem Mädchen länger als drei Monate aushältst.“
Er strich sich durch das Haar. „Dieses Misstrauen habe ich verdient.“
Diesmal widersprach sie ihn nicht, aber sie kuschelte sich an ihn. Vielleicht würde sie diese Nacht schöne Träume haben.

Die Nymphe blieb nicht das einzig tote Wesen, das sie fanden. Die Skelette von drei Zentauren, jeweils wenige hundert Meter von einander entfernt, bewiesen erneut, wie tödlich dieser Ort für magische Wesen war. Nick hatte ihre Hand genommen. Das hatte er zuletzt getan, als sie Kinder waren, doch nun fühlte es sich anders an. Seine Wärme tröstete sie. Dann erblickten sie den eiffelturmgroßen Saghar, der wie Atlas ihre Welt auf der Schulter trug. Ein einfacher Lendenschurz bedeckte seine Blöße, aber sein restlicher Körper war Sonne und Wetter ausgesetzt. Die Haut, die sich über die ausgeprägten Muskeln spannte, schimmerte wie Bronze.
„Ich glaube immer noch nicht, dass wir darin leben“, sagte Nick.
Die dunkelblaue Kugel glühte in einem kalten Weiß und erweckte in ihr ein Gefühl der Bedrohung statt des Heimwehs. Zu Saghars Füßen standen die anderen Götter und Michelle näherte sich der Göttin, die ihnen am nächsten war. Sie hatte ihnen den Rücken zugewandt und weißes Haar wallte ihr bis zu den Hüften.
„Bitte erschreckt Euch nicht“, sagte sie, doch die Göttin regte sich nicht.
Langsam ging Michelle um sie herum. Sie hatte die Augen geschlossen und ihre Gesichtszüge kamen ihr vertraut vor.
„Das ist Ameya!“, rief sie.
„Woher weißt du das?“
„Sie sieht genauso aus wie ihre Statue im Meerestempel.“
Trotz ihres Gespräches hatte Ameya ihre Augen noch immer geschlossen und Michelle sah sich um. Alle Götter rührten sich nicht, als befänden sie sich in tiefer Trance. Sie wollte gerade zu Dsura gehen, da wurde sie plötzlich herumgerissen. Nicks Hände legten sich um ihren Hals und drückten zu. Unfähig zu atmen, starrte sie ihm entsetzt ins Gesicht. Seine Pupillen waren verkleinert.
„Nick“, flüsterte sie, „komm … zu dir.“ Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie hatte ihn noch nicht einmal wieder bei seinen wahren Namen genannt. „Niklas …“
Plötzlich ließ der Druck nach und Michelle fiel nach Luft hustend auf den Boden. Nick sank ebenfalls auf die Knie und schaute fassungslos auf seine Handflächen.
„Was habe ich getan? Und warum?“ Seine Hände begannen zu zittern. „Ich würde doch nie …“
Michelle streckte ihre Hand aus und berührte seine.
„Du warst nicht Herr deiner Sinne. Vielleicht wurdest du verzaubert.“
„Verzaubert?“ Er stöhnte auf. „Wann soll das geschehen sein?“
Das wusste sie nicht, aber Nick griffe sie nicht einfach so an. Niemals! Unsicher schaute sie zwischen Dsura und Nick hin und her und fragte sich, ob es ein zweites Mal geschähe, wenn sie sich der Göttin näherte. Ihn nicht aus den Augen lassend ging Michelle zu Dsura. Er blieb auf dem Boden knien und blickte sie nicht an. Bestimmt konnten ihnen die Götter erklären, was geschehen war. Sie zwang sich zu einem Lächeln.
„Ich bringe dir deine Kette, sodass du die Kraft daraus nutzen kannst.“ Michelle nahm sie ab und berührte damit Dsuras Hände, die sie wie zu einem Gebet gefaltet hatte, aber immer noch blieb die Göttin in ihrer Vertiefung. Nachdem sie eine Weile abgewartet hatte, ging Michelle zu Oriana. Nichts geschah. Vielleicht Ameya? Die Kette war in ihrer Schatzkammer aufbewahrt worden.
„Warte, du solltest sie nicht berühren!“
Scharf atmete Michelle durch. Daran hatte sie in ihrer wachsenden Verzweiflung nicht gedacht. Sie wussten nicht, ob die Berührung der Todesgöttin harmlos war.
„Ich werde aufpassen“, versprach sie.
Auch Ameya kam nicht zu sich. Sie versuchte es nun bei Minar und Eshan. Nicht einem konnte sie ein Blinzeln entlocken. Waren sie vielleicht zu spät? Zuletzt wandte sie sich Nassor zu. Er hatte einen unzufriedenen, verbitterten Gesichtsausdruck und es kam ihr falsch vor, ihn zuerst zu erwecken, doch hatte sie eine andere Wahl? Sie streckte die Hand aus und berührte mit dem Anhänger seine Haut. Seltsamerweise spürte sie Erleichterung, weil er nicht reagierte, dann aber sank sie in die Knie.
„Was sollen wir tun? Der Stein bewirkt nichts.“
Sie stand auf, um noch einmal zu Dsura zu gehen, und umfasste ihre feingliedrigen Hände. Die Haut fühlte sich warm an und Tränen stiegen Michelle in die Augen.
„Wach auf! Deine Welt braucht dich!“
Nick zog sie in die Arme und hielt sie, während sie weinte. War alles umsonst gewesen?

Fast wie Hündchen, die auf die Beachtung ihres Frauchens warteten, saßen sie in Dsuras Nähe. Michelle hatte der Göttin ihre Kette umgehängt und sie trug sie bereits seit zwei Stunden. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und es roch nach Regen, doch noch waren die Sterne zu sehen. Ratlos blickte sie zu ihnen auf. Wenn sich morgen früh nichts verändert hatte, mussten sie sich wohl auf den Rückweg machen. Seufzend ließ sie sich zurücksinken, rollte sich auf die Seite und wünschte Nick eine gute Nacht. Michelle war schon fast eingeschlafen, als sie ein Keuchen und Rascheln hörte.
„Lauf weg!“, rief Nick.
Jäh richtete sie sich auf und schaute sich um.
„Was ist los?“
Nick warf den Kopf in den Nacken und stieß einen Schrei aus, der in ein Jaulen überging, während er sich verwandelte. Seine Nasen- und Mundpartie formten sich zu einer langen Schnauze und schwarzes Fell bedeckte die Haut. Verängstigt stand Michelle auf und wich zurück. Würde es wieder wirken, wenn sie seinen Namen sagte? Als der Blick des Werwolfs auf sie fiel, bekam sie kein Wort heraus. Statt sich auf sie zu stürzen, war er mit einem Satz bei Dsura, die zwischen ihnen stand, hob die Hand mit den scharfen Krallen und schlug zu. Stoff riss und die Göttin wurde beiseite geschleudert.
Ein Klirren ertönte und Michelle schaute nach oben. Die Kugel, die Saghar hielt, zersplitterte und glitzernde Scherben stürzten herab. Ein rasch anschwellendes Donnern und Poltern dröhnte in ihren Ohren, bevor es ihr das Bewusstsein raubte. Als sie die Augen aufschlug, lag sie in Nicks Armen.
„Michelle, wir haben es geschafft. Wir sind zurück! Kannst du aufstehen?“
„Ja.“
Nachdem sie aufgestanden war, sah Michelle sich um. Sie befanden sich in der Nähe des umgestürzten Baumes am Ufer der Wakenitz. Ihre Fahrräder waren verschwunden, aber das war nach mehr als vier Wochen nicht verwunderlich. Etwas anderes war falsch.
„Ich verstehe das nicht. Wir dürften nicht hier sein.“ Sie erschauderte, als sie sich daran erinnerte, wie Nick als Werwolf Dsura zur Seite geschleudert hatte. „Wir haben Dsura verwundet.“
Nick lachte. „Sie soll eine Göttin sein, oder nicht? Komm, wir gehen heim.“
Michelle ließ sich bei der Hand nehmen. Während sie dem Uferweg folgten, hatte sie das Gefühl, als wäre sie hier fremd. Die Nacht verbarg die Einzelheiten der Umgebung, so dass sie kaum etwas wieder erkannte. Die Blätter des Schilfs raschelten leise im Wind und grobe Sandkörner knirschten unter ihren Sohlen. Sonst war es still. Sie wünschte sich, sie würde einen vertrauten Vogel hören, aber Amseln begannen erst gegen 5 Uhr morgens zu singen.
Nach Stunden hob sich der Umriss der Brücke schwarz vom nachtblauen Himmel ab. Michelle blieb stehen, denn etwas verwirrte sie.
„Warum leuchten die Straßenlaternen nicht?“
Nick lachte. „Vermutlich haben wir hier einen Stromausfall ausgelöst.“
Sie erreichten den Weg, der hinauf zur Straße führte, und blieben überrascht stehen. Vor ihnen lag das Skelett eines Zentauren. Michelle wurde mulmig und sie schaute zur Brücke hoch. In diesem Moment verdunkelte ein Schatten die Sterne. Rasch zog sie Nick unter einem Strauch und in die Hocke, doch der riesige Geier segelte über sie hinweg, ohne sie wahrzunehmen. Ihre Ahnung verwandelte sich in Gewissheit: Die Welten waren eins geworden und ihre Erde würde nie mehr so sein, wie sie einst war.

Würdet Ihr gerne eine Fortsetzung dieser Geschichte lesen? Lässt es mich wissen.

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